Magenza-Stiftung

Als in der Pogromnacht 1938 die Mainzer Synagogen brannten, durfte die Feuerwehr nicht löschen/Hetztiraden in lokaler Presse

Vom 08.11.2008 - Allgemeine Zeitung

Wie überall im Dritten Reich brennen in der Nacht zum 10. November 1938 in Mainz die Synagogen. 70 Jahre danach steht die Grundsteinlegung für den Neubau eines jüdischen Gemeindezentrums in der Hindenburgstraße kurz bevor: an der Stelle, wo die 1912 geweihte Hauptsynagoge in der Pogromnacht zerstört wurde. 

az-081108-a.jpg In der Nacht zum 10. November 1938 schlagen Flammen aus den Fenstern der Hauptsynagoge in der Hindenburgstraße. SS-Schergen hatten sie johlend in Brand gesetzt.Foto: Stadtarchiv

 az-081108-b.jpg

Am Tag danach: Die Mauern haben die Feuersbrunst zwar überstanden, doch die Synagoge ist nur noch eine ausgebrannte Ruine. Kurz darauf wird sie auf Kosten der jüdischen Gemeinde gesprengt. Foto: Stadtarchiv

 az-081108-c.jpg

 Die 1912 nach den Entwürfen der Architekten Willy Graf (Stuttgart) und O. Menzel (Dresden) errichtete neue Hauptsynagoge bot Platz für 650 Männer und 500 Frauen. Während sich frühere Synagogenbauten in engen Straßen oder sogar in Hinterhöfen versteckten, galt der repräsentative Prachtbau den Mainzer Juden nicht zuletzt auch als Symbol ihrer Integration.

 az-081108-d.jpg

Rosenmontag 1938 in Mainz: Der "hässliche Jude" muss als Motivwagen herhalten. Ein halbes Jahr später wird aus Spott zügellose Gewalt. Foto: Archiv Heinz Leiwig

Von Frank Schmidt-Wyk

9. November 1938 - durch die Mainzer Straßen dröhnen die Stiefel der marschierenden SA - die Nazis gedenken des gescheiterten Hitlerputsches vor fünfzehn Jahren. Zwei Tage nach dem Attentat auf den deutschen Gesandtschaftsrat vom Rath in Paris durch Herschel Grynspan, den 17-jährigen Sohn eines deportierten Juden, ist von Pogromstimmung noch keine Spur. Damit sich der "Volkszorn" erhitzt, müssen die braunen Machthaber nachhelfen, ihr Instrument dazu sind SA und SS.

Trügerische Sicherheit

Den nationalsozialistischen Judenhass hatten auch die Mainzer Juden gleich nach der "Machtergreifung" im Januar 1933 zu spüren bekommen, jüdische Geschäfte wurden boykottiert, die Nürnberger Rassegesetze verstießen sie 1935 aus der "Volksgemeinschaft". Dennoch wollen viele der über 3 000 Mainzer Juden lange nicht wahrhaben, dass eine der ältesten und traditionsreichsten jüdischen Gemeinden in Europa, die den Ruhm des mittelalterlichen Mainz maßgeblich mitbegründet hat, ernsthaft bedroht ist. Ihre Wurzeln reichen zurück bis ins 10. Jahrhundert, als der große Rabbiner Gerschom ben Jehuda in Magenza eine Talmudschule begründete. Die prächtige Hauptsynagoge in der Hindenburgstraße, die 1912 den zu klein gewordenen Vorgängerbau in der Margarethengasse ersetzte, gilt den Juden nicht nur als religiöses und gesellschaftliches Zentrum, sondern mit ihrem gewaltigen Kuppelbau auch als Symbol ihres Stolzes und - im Ensemble mit der nahen Christuskirche und dem Dom - auch ihrer Integration und Gleichberechtigung. Ebenso die kleinere, von Stadtbaumeister Eduard Kreyßig im maurischen Stil errichtete und 1879 eingeweihte Synagoge in der Flachsmarktstraße, die von den orthodoxen Gemeindemitgliedern besucht wird.

Zudem wähnen sich einige jüdische Männer als Veteranen des Ersten Weltkriegs in trügerischer Sicherheit, auch die Ehe mit einem "arischen" Partner lässt viele Männer und Frauen glauben, dass ihnen schon nichts Schlimmeres passieren werde. Und noch ein fataler Irrtum ist weit verbreitet: Nicht wenige Juden fühlen sich trotz allem als deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens, dabei schert sich der rassenideologische Wahn der Nazis nicht um Religion, sondern fußt auf primitivster Biologie.

1938 sind auch die Mainzer Juden längst zum Freiwild geworden, sie werden ausgegrenzt, schikaniert, beschimpft, verhöhnt, verspottet, auch bereits verhaftet und ermordet. Beim Rosenmontagszug zieht der "hässliche Jude" als Motivwagen durch die johlende Menge. Und nun soll die alltägliche Diskriminierung nach dem Geschmack der Machthaber in Berlin in zügellose Gewalt münden - den Anlass dazu liefert das Pariser Attentat. In Mainz werden die Anweisungen genauso gehorsam und zügig in die Tat umgesetzt, wie überall im Reich.

Makabrer Mummenschanz

Am Abend des 9. November befiehlt SS-Sturmbannführer Karl Ober SS-Hauptscharführer Adolf Sparwasser und seinen Männern, auf der Dienststelle der 33. SS-Standarte im Gouvernement am Schillerplatz zu erscheinen. Von dort braust der Trupp gegen 2.30 Uhr zur Hauptsynagoge in die Hindenburgstraße, wo Ober ankündigt: "Jetzt wird Dampf gemacht!" Die Männer schütten Benzinkanister aus und setzen das Gebäude in Brand. In schwarze Talare gehüllt und mit Zylindern auf dem Kopf, dazu wild mit Gebetsbüchern und Pistolen fuchtelnd, führen sie unter der brennenden Kuppel einen makabren Mummenschanz auf. Torarollen werden aus den Schreinen gerissen, die SS-Leute trampeln und urinieren darauf. Wertvolle Leuchter und Decken dagegen stecken sie säckeweise ein. Und mittendrin Synagogen-Hausmeister Bingenheimer, "in voller SS-Uniform und mit Reitpeitsche", wie sich Augenzeugen erinnern.

Als ein Löschzug der Feuerwehr eintrifft, tragen die SS-Männer immer noch Kanister in die Synagoge. Die Polizei hat den Brandort abgesperrt, eine Menge Schaulustiger strömt zusammen. Dem Wehrführer droht die SS, sofort scharf zu schießen, wenn auch nur ein Tropfen aus dem Schlauch komme. Die Feuerwehr zieht ab und versucht, so die neue Weisung, die Nachbarhäuser der ebenfalls lichterloh in Flammen stehenden Synagoge in der Flachsmarktstraße zu schützen, doch als sie dort eintrifft, ist das Gotteshaus bereits fast bis auf die Grundmauern niedergebrannt.

"Antwort an die Juden"

Am nächsten Morgen bietet sich das gewollte Bild der Zerstörung: eingeschlagene Schaufenster jüdischer Geschäfte - die überall herumliegenden Splitter inspirieren die Nazis später zu ihrer euphemistischen Wortschöpfung "Kristallnacht" -, Wohnungen jüdischer Familien verwüstet, viele Juden von Nazischergen, aber auch vom tobenden Mob verprügelt, manche so schwer, dass sie an ihren Verletzungen sterben, die beiden großen Synagogen in der Innenstadt und viele kleine in den Vororten niedergebrannt.

Tags darauf erwähnt die gleichgeschaltete Lokalpresse das Pogrom mit fast keiner Zeile - woraus aus heutiger Sicht auch schlechtes Gewissen sprechen mag. Dem "Mainzer Anzeiger" sind die Geschehnisse eine kleine Notiz auf der ersten Lokalseite unter der hämischen Überschrift "Mainz antwortet den Juden" wert: Nach dem "Bekanntwerden des feigen Mordüberfalls" in Paris" sei "ein Sturm der Empörung durch die gesamte Bevölkerung" gegangen, "der [sic] Abscheu vor dem verbrecherischen Treiben des Judentums machte sich in spontanen Kundgebungen Luft." Dabei seien "auch die Judentempel, die Synagogen, in Mitleidenschaft gezogen" worden. Doch "trotz der großen Erbitterung", so heißt es weiter, "kam es nirgends zu Plünderungen". Die Hetze schließt mit dem Satz: "Die Mainzer Bevölkerung hat als Antwort auf den jüdischen Meuchelmord mit den Juden in Mainz abgerechnet, Alljuda mag daraus seine Schlüsse ziehen."

Die Nazis schämen sich nicht, die Kosten der von ihnen angerichteten Gewaltorgie den Opfern in Rechnung zu stellen. Die Hauptsynagoge ist zwar ausgebrannt, doch die feuerfesten Mauern stehen noch, ebenso das stabile Gerüst der Kuppel. Die Ruine wird gesprengt, die Rechnung geht an die jüdische Gemeinde. Am 28. Februar 1939 heißt es dann: "Es ergeht an die israelitische Religionsgemeinde Mainz aufgrund des Artikels 129b, Absatz 2, Ziffer 3, der Städteordnung der Polizeibefehl, mit der Entfernung der auf dem Synagogengrundstück Hindenburgstraße 44 in Mainz befindlichen Trümmerhaufen spätestens einen Monat nach Empfang dieses Schreibens zu beginnen." Ähnliches gilt für den Abriss der Überbleibsel in der Flachsmarktstraße. Rabbiner Dr. Sali Levi muss der Gestapo dafür bürgen, dass die Gemeinde allen Anordnungen reibungslos Folge leistet.

Mit der Kraft am Ende

Zeitzeugen beschreiben Levi als eindrucksvolle Erscheinung - groß, stattlich, charismatisch - selbst bei den Nazis soll er sich eine gewisse Achtung verschafft haben. Doch nachdem die ersten Deportationen eingesetzt haben, ist auch er mit seiner Kraft am Ende. Er nimmt ein Angebot der jüdischen Gemeinde in Brooklyn an, wohin bereits seine Kinder ausgewandert sind, doch während er auf das Visum für die USA wartet, stirbt er im April 1941 in Berlin.

Erst brannten die Synagogen - dann die Menschen. Die Namen von über 1000 Mainzer Juden sind auf den Deportationslisten dokumentiert, längst nicht alle, die in die KZ abtransportiert wurden. Mehr als 1420 konnten aus Deutschland flüchten. Bei Kriegsende ist die Jüdische Gemeinde Mainz nahezu vernichtet. Es gibt nur wenige Überlebende. In der Forsterstraße 2 fanden die Mainzer Juden nach der Zerstörung ihrer Synagogen eine provisorische Zuflucht, noch heute hat die nach dem Krieg langsam wiedererstarkte und in Mainz derzeit über 800 Mitglieder zählende Jüdische Gemeinde dort ihren Sitz. Doch in zwei Wochen wird wahr, wofür die Gemeinde jahrzehntelang gekämpft hat: Am Sonntag, 23. November, wird in der Hindenburgstraße der Grundstein für das neue Gemeindezentrum gelegt, genau dort, wo bis vor 70 Jahren die stolze Hauptsynagoge stand.

Thema des Tages

In die Schilderung sind Zeitzeugenaussagen eingeflossen aus dem 2003 erstmals ausgestrahlten SWR2-Hörfunk-Feature "Und ich höre nicht auf zu fragen - Glanz und Elend der beiden letzten Synagogen in Mainz" von Irina Wittmer sowie aus dem 2005 erschienenen Buch "Es war ja nichts - Nationalsozialismus in Rheinhessen" von Heinz Leiwig.