Magenza-Stiftung
Maharil in Mainz

Worte gesprochen am 17. Tammus 5767 (03.07.2007) aus Anlass der konstituierenden Sitzung des Beirates von „MAGENZA – Stiftung für Jüdisches Leben in Mainz“
von Andreas Lehnardt

An einem Tag wie diesem über einen der berühmtesten jüdischen Mainzer Gelehrten im Mittelalter zu sprechen, fällt nicht leicht. Zu weit scheinen die goldenen Zeiten des Mainzer Judentums entfernt, zu unwahrscheinlich, dass aus Mainz wieder einmal ein großer jüdischer Lehrer wie der Maharil, Morenu ha-Rav, „unser Lehrer, der Rabbiner“, Ya’aqov Molin Israel ha-Lewi (gest. 1427), der auch aufgrund einer christlichen Namens-Verschreibung Moeln genannt wurde, hervorgeht.

Heute begehen Juden den Fastentag des 17. Tages im jüdischen Monat Tammus. Der 17. Tammus war im Laufe der Geschichte viele Male ein Tag des Unglücks für die Juden. So stieg Mose an dem Tage vom Berg Sinai herab, sah, dass die Israeliten um das Goldene Kalb tanzten und zerschmetterte vor Wut die beiden Tafeln des Bundes. Viele Jahre später wurde die Mauer Jerusalems von den Feinden umzingelt. Eine Maßnahme, die drei Wochen später in einer noch viel größeren Tragödie endete: der Zerstörung des Tempels. Im Jahre 586 vor der Zeitrechnung wurde der Tempel durch die Babylonier verwüstet und im Jahre 70 nach der Zeitrechnung durch die Römer endgültig zerstört.
Der 17. des jüdischen Monats Tammus leitet eine dreiwöchige Trauerperiode ein, welche mit dem Tisha be-Av (der 9. Tag des jüdischen Monats Av) in diesem Jahr am 24. Juli endet. Am 9. des jüdischen Monats Av wurden beide Tempel zerstört.

 


Maharil in Mainz

Für den rabbinisch hochgebildeten Maharil, 1375 in Mainz geboren, am 14.09.1427 in Worms gestorben, muss der 17. Tammus mit seinem Fastengedenken und seinen speziellen Bußgebeten und Bibellesungen große Bedeutung und Relevanz besessen haben. Im August des Jahres 1349 war es in Mainz infolge des Ausbruchs der Pest, des Schwarzen Todes, wie in vielen anderen Städten am Rhein zu tagelangen Verfolgungen von Juden gekommen. Fast die gesamte Gemeinde (zu dieser Zeit etwa 6.000 Seelen) kam dabei um. Der 23. August wird daraufhin zu einem Fast- und Trauertag für alle Zeiten festgelegt. Erst ab 1355 kam es in Mainz erneut zu einer kleinen Blütezeit jüdischen Lebens. Doch auch in dieser Zeit kam es immer wieder zu religiös und ökonomisch motivierten Ausschreitungen oder Bedrohungen. Trotz alledem spricht Maharil in seinen Werken von Mainz in der Regel als von „unserer Stadt“, womit sich die hohe Identifikation mit dem Wohnort Ausdruck verschafft.

    Dass Maharil zu dem führenden deutschen Rabbiner im 1. Viertel des 15. Jh. aufsteigen konnte, findet eine Erklärung zunächst in seiner guten Ausbildung, die er in langen Wanderjahren erhalten hatte. In Wien und Wiener Neustadt hatte er bei Shalom von Wiener Neustadt studiert, dann auch in Köln, Eger und Regensburg sowie vielleicht auch in Padua in Italien. Verheiratet war er zweimal - erst mit einer Frau, von der er sich aus nicht geklärtem Grunde scheiden ließ und die aus Italien stammte, dann mit einer Frau namens Gimchen aus Mainz, die Mutter seiner mindestens vier Kinder wurde.
    Aus seinem Lehrhaus, seiner Yeshiva, ging eine so große Anzahl von Gelehrten hervor, dass man ihn als den Vater vieler weiterer Entwicklungen des aschkenazischen Judentums betrachten kann. Sein bedeutendster Schüler war ein gewisser Salman von Sankt Goar, der später seine Lehren schriftlich fixierte und redigierte. Den Unterhalt seiner Yeshiva bestritt die jüdische Gemeinde. Sein Auskommen fand Maharil wohl vor allem durch seine Tätigkeit als Heiratsvermittler.
   Worin liegt aber die bis heute zu beobachtende Bedeutung des Schaffens Maharils? Was macht ihn zu einer Persönlichkeit, der an einem besonderen Tag wie dem heutigen gedacht werden sollte? Der eigentliche Ruhm des Maharil beruht auf einem Werk, das er gar nicht selber geschrieben hat. Wie zu seiner Zeit üblich fand ein Großteil der Diskussionen und Unterrichtsstunden in mündlicher Form statt. Es wurde ein Abschnitt aus dem Talmud vorgetragen und daraufhin erörtert, wie ein ihm aufgeworfenes Problem zu lösen sei. Salman von Sankt Goar scheint von solchen Unterrichtseinheiten Mitschriften angefertigt zu haben, die dann in das große Werk des Mainzer eingeflossen sind bzw. seine Grundlage bildeten: das Sefer Minhage Maharil, das Buch der Bräuche des Maharil.
Dieses bis heute nachgedruckte hebräische Werk, welches man noch immer in guten jüdischen Buchhandlungen auf der ganzen Welt kaufen kann, wurde zu der definitiven Sammlung von Riten und Bräuchen des westeuropäisch-aschkenazischen Judentums. In diesem Buch wurden erstmals alle wichtigen Fragen der jüdischen Lebensweise neu geordnet und für den Alltag und die freudigen Anlässe umfassend beschrieben. Es gründete sich zwar auf die älteren Dezisionen und Responsen mittelalterlicher jüdischer Gelehrter.hebräisches Werk Aber Maharil ging auch eigene Wege, insofern er nämlich in vielen Dingen zu erleichtern, während seine Vorgänger zu erschweren suchten. Unwissende Gesetzesübertreter beließ er in vielen Fällen lieber in ihrem Irrtum, um sie nicht durch strenge Unterweisung zu Gesetzesverächtern zu machen. Erschwerungen, die er sich selbst auferlegte, etwa in Bezug auf koshere Lebensmittel, forderte er von anderen nicht. In Gemeindeangelegenheiten leitete ihn der Grundsatz, dass Opfer an Zeit, Kraft und Geld für das Wohl der Gemeinschaft die wichtigste Wohltätigkeit seien.
    Größtes Gewicht maß er dem Ortsbrauch, dem Minhag, bei. Insbesondere die rheinländischen Bräuche, die wegen ihres hohen Alters verlässlich seien, versuchte er wieder in den Mittelpunkt jüdischer Identität zu stellen. Auch verfasste er eigene Gebete und Hymnen, die noch heute in manch einem jüdischen Haus am Shabbat gesungen werden. Synagogale musikalische Lokaltraditionen waren ihm gleich Ritualvorschriften heilig. 
    Dabei fußte diese Wertschätzung auf der bereits in talmudischer Überlieferung tradierten Vorstellung, der Brauch könne das Gesetz außer Kraft setzen bzw. aufheben. Der Minhag des Ortes ist nach jüdischer Auffassung immer zuerst zu beachten und zu respektieren, dann nach Erklärungen für den Brauch aus der Tradition zu suchen. Der Brauch wird quasi zu einer weiteren Offenbarungsquelle. Gott spricht insofern auch durch die Bräuche zu seinem Volk.
    Dennoch bleibt auch für Maharil genügend Spielraum, um die ihm bereits überlieferten Bräuche in Mainz umzugestalten oder konstruktiv weiterzuentwickeln. Am deutlichsten tritt dies in seinem Verhalten gegenüber Nichtjuden hervor. Das jüdische Leben im Mainz des 15. Jhs. war wie heute auf das engste mit dem gewerblichen und geschäftlichen Handel verwoben. In der Folge scheint es auch zu privaten Kontakten gekommen zu sein. Maharil pflegte daher an Shabbatot nach dem Gottesdienst einige Zeit vor der Synagoge zu verweilen, nicht nur um den Gemeindemitgliedern einen „Guten Shabbat“ zu wünschen, sondern wie es ausdrücklich heißt, auch um die anwesenden Christen zu begrüßen.

Bei all dem darf nicht vergessen werden, dass die Wirkung des Sefer Maharil, des Buches des Maharil, vor allem deshalb zu würdigen ist, weil es zu der Grundlage eines Kommentars zu dem wohl berühmtesten jüdischen Rechtskompendium im 16. Jh. wurde, des bis heute verbindlichen Shulchan Arukh, des von Josef Karo in Safed in Galiläa verfassten „gedeckten Tisches“. Zu diesem Opus magnum verfasste der Krakauer Gelehrte Moshe ben Israel Isserles im 16. Jh. jenen Mappa, „Decke“, genannten Kommentar, der es auch aschkenazischen Juden ermöglichte, den Shulhan Aruch als verbindlichen Kodex anzuerkennen, da er die Dezisionen des Maharil aus Mainz aufnahm.
Die im Nebel der Geschichte nur noch blass erscheinende Persönlichkeit des Mainzer Gelehrten Maharil wird heute noch am greifbarsten, wenn wir auf den heiligen Sand in Worms gehen. GrabsteinAn diesem bemerkenswerten Ort findet sich im so genannten Rabbinertal sein , der anders als alle anderen Epitaphien als einziger die nach der Halakha vorgeschriebene Ausrichtung gen Osten, gen Jerusalem aufweist. Dass sein Grab im Gegensatz zu allen übrigen des Wormser Friedhofs nicht nach Süden, sondern nach Osten gerichtet ist, geht wohl auf seine ausdrückliche Anweisung zurück. Die Legende besagt, dass er sich außerdem ausgebeten habe, dass im Umkreis von vier Ellen keine weiteren Gräber angelegt werden sollten. Er hielt offenbar an der traditionellen Hoffnung auf das Kommen des Messias und damit auch der Auferstehung der Toten von Jerusalem aus fest und folgte darin dem lokalen Brauch in Worms nicht. 
Im Angesicht des eigenen Todes, so scheint es, folgte Maharil wieder der alten Überlieferung, nicht den lokalen Bräuchen – und dies obwohl er und seine Schüler sich zu dem Fürsprecher zahlreicher lokaler Traditionen gemacht hatten. Warum er zuvor Mainz den Rücken gekehrt hatte und es vorzog, in Worms bestattet zu werden, ist bis heute ungeklärt.

An einem 17. Tammus, wie dem heutigen Tage, dürfte bei all den anderen traurigen Ereignissen, die mit diesem Tag in der jüdischen Tradition verbunden werden, für Maharil wie für viele Generationen von Mainzer Juden, die seiner immer wieder einmal gedachten, vor allem das Gedenken an das Zerbrechen der Gesetzestafeln nach der Sünde des Goldes Kalbes im Vordergrund gestanden haben (vgl. Sefer Maharil, ed. Sh. Spitzer, Jerusalem 1989, S. 235ff). Der Grund hierfür wurde wie für alle späteren Katastrophen, die Juden trafen, von alters her stets in der eigenen Schuld gesucht - nicht in einem ureigenen Anliegen von Nichtjuden.

(© Andreas Lehnardt)