Magenza-Stiftung

Historie der Gemeinde

Die Jüdische Gemeinde Mainz ist eine der ältesten und traditionsreichsten in Europa. Die Anfänge reichen bis in das 10. Jh. zurück, als in der Stadt Rabbiner wie Gershom ben Jehuda (960 bis 1028 oder 1040) lehrten. erbaut nach den Plänen KreyßigsEr führte eine Talmudhochschule, die zu einem Zentrum jüdischer Überlieferung und Gelehrsamkeit wurde, das weit über die Grenzen Deutschlands hinaus ausstrahlte. Gelehrte, wie der wohl berühmteste Bibel- und Talmudkommentator Shlomo bar Isaak (1040-1105), genannt Rashi, kamen an den Rhein und trugen dazu bei, daß Magenza, der hebräische Name für Mainz, ein klangvolles Synonym für Bildung und geistiges Leben wurde. Mit Unterbrechungen leben seit mindestens tausend Jahren Juden in Mainz. Ihre glanzvolle und ihre leidvolle Geschichte ist reich dokumentiert.
Bis zum November 1938 hatte die Jüdische Gemeinde Mainz zwei prachtvolle Synagogen. Eine 1879 eingeweihte Synagoge im maurischen Stil und eine 1912 eingeweihte Synagoge im klassizistischen Stil. Außerdem gab es für die ostjüdischen Einwanderer in der Margaretengasse ein „Stibl“.
Die erste Synagoge war nach den Plänen des bis heute in Mainz allgegenwärtigen Stadtbaumeisters Kreyßig gebaut worden. Sie stand in der Flachsmarktstraße und wurde von den orthodoxen Mitgliedern der Gemeinde genutzt. Die zweite Synagoge war ein beeindruckender Kuppelbau in der Hindenburgstraße wo der Gottesdienst mit Orgelbegleitung für die liberalen Gemeindemitglieder stattfand.

Keine der Synagogen, die je in Mainz gestanden gaben, gibt es noch.


 

»Verschwiegen und vergessen«

Über die 1879 geweihte Synagoge in der Flachsmarktstraße
AZ - 09.11.2004 - Von Leo Trepp*


Im Streben um einen Neuaufbau der Jüdischen Gemeinde zu Mainz wird oft der großen Hauptsynagoge gedacht. Die Synagoge in der Flachsmarktstraße wird verschwiegen und dem Vergessen übergeben.


Manche Mainzer glauben, die Synagoge in der Flachsmarktstraße sei ein kleines Stüblein für die Eingewanderten der früheren Zeit gewesen. In Wirklichkeit war sie ein imponierender Bau. Sie war die Gründung von Juden, welche die weitgehenden Reformen, vor allem die Orgel, im jüdischen Gottesdienst ablehnten.

Unter ihnen fanden sich führende jüdische Patrizier wie Isaak Fulda und Isidor Reiling, der Vater von Anna Seghers. Diese hochgebildeten Männer legten auf Ästhetik und Würde im Gottesdienst höchsten Wert und waren bereit, für ihr Ideal Opfer zu bringen. Als die Orgel im Jahre 1853 in der Hauptsynagoge (Hindenburgstraße) eingeführt wurde, verblieben sie zwar in der Gemeinde, um die Einheit der jüdischen Gemeinde zu bewahren. Doch schufen sie aus ihren eigenen Mitteln ihre eigene Synagoge für ihre Gottesdienste. Sie betrauten den hochbewährten Stadtbaumeister Eduard Kreyßig mit der Gestaltung ihres Gotteshauses,
welches im Jahre 1879 eingeweiht wurde.

Die Weihe vollzog Dr. Marcus Lehmann, der Rabbiner der Gemeinde, welche sich Israelitische Religionsgesellschaft nannte. Er gehört zu den bedeutendsten Rabbinern des neuzeitlichen deutschen Judentums, obgleich ihm die Regierung nach Protest des jüdischen Gemeinderabbiners Dr. Joseph Aub verboten hatte, den Titel Rabbiner zu tragen. Für lange Jahre durfte er sich lediglich "Prediger in der israelitischen Religionsgesellschaft" nennen. Die Ironie dabei liegt darin, dass er in der Tat ein hinreißender Prediger war, der viele Mitglieder der Hauptgemeinde zu seinen Predigten angezogen haben muss. Wir können sicher ein, dass Lehmann den Architekten Kreyßig beriet. Dieser wiederum, in genialer Weise, übertrug Lehmanns Ideen in die Wirklichkeit.

Lehmann gab dem Architekten Belehrung in den vom Religionsgesetz vorgeschriebenen Einrichtungen. Dazu gehörten die Frauenempore mit einem Trennungsgitter und die "Bima", "Bühne", auch "Almemor" genannt, in der Mitte der Männersynagoge. Dort wurde die Tora der Gemeinde vorgelesen. Gleichzeitig gelang es, durch die Gestaltung des Gebäudes die Gemeindemitglieder in den Gottesdienst als Mitwirkende hineinzuziehen.

Dazu mag Lehmann wesentlich beigetragen haben. Er verband Treue zur Tradition mit modernen Lebensformen, Identifizierung mit jüdischem Wesen und Brauchtum, mit tiefer Einfühlung in moderne Ästhetik. Aus eigener Seele verstand er die Gefühle, das Sehnen, die Nöte und die Hoffnungen seiner jüdischen Menschen.

So wurde ein Gotteshaus gestaltet, welches hohen ästhetischen Ansprüchen entgegenkam und zugleich bereits räumlich den seelischen Bedürfnissen der Beter entsprach und sie zu Mitgestaltern des Gottesdienstes machte. Der maurische Stil verkündete den Unterschied zwischen Judentum und Christentum, wirkte aber durchaus nicht fremdartig in deutscher Umgebung.

Von der Straße unsichtbar lud das Gebäude die
Beter ein, aus dem Tummel der Welt zu sich selbst zu kommen und in ihrer Gemeinschaft, um Gott geeint, Heilung und Erneuerung zu finden. Dem Nichtjuden, welcher seinen Weg durch die stattlichen Tore des Hauses als Besucher und im Streben um Wissen fand, stand die Synagoge gastfreundlich offen.


 


»Symbol jüdischer Gleichberechtigung«

Hauptsynagoge 1912 geweiht - Großzügiger Jugendstilbau
AZ - 10.11.2004 - Von Leo Trepp*


Im Jahre 1912 wurde die neue Hauptsynagoge in der Hindenburgstraße geweiht. Sie war bewusst als Symbol jüdischer Gleichberechtigung und jüdischen Bürgerstolzes gedacht und stand als solches neben Dom und Christuskirche, den Symbolen der christlichen Glaubensrichtungen.

Die Hauptsynagoge, im Jugendstil errichtet, war ein herrlicher Bau, städtebaulich ein Schmuckstück für die Stadt. Großzügig angelegt enthielt sie unter anderem neben dem Gebetsraum eine kleine Synagoge für die Gottesdienste an den Wochentagen, einen großen Saal für Versammlungen, Lehrsäle, Konferenz- und Schulräume, ein Museum und Büros für die Verwaltung.

Um den Innenraum zu erreichen ging der Beter durch eine kleine Säulenhalle, die von der Straße in die große Vorhalle der Synagoge führte und von dort in den Raum des Gebets. Dies diente der Umwandlung des Beters vom Lärm der Um
welt zur erneuernden Ruhe des Heiligtums.

Der Gebetsraum war großzügig und elegant, durch hohe Fenster strömte das Licht. Keine Vergitterung beraubte die Frauen auf der Empore ihrer Sicht. Ein Kronleuchter senkte sich von der 25 Meter hohen Kuppel herab und ergoss seine Strahlen über die Gemeinde. Zusätzliche Leuchtkörper füllten das Haus mit Licht und Glanz. Der Raum bildete ein herrliches Auditorium. Trotz seiner Höhe betonte er eine horizontale Dimension, denn die Kuppel war zwar dem zylindrischen Raum aufgestülpt, aber selbst das Gottesdienstzentrum an der Vorderwand ragte nicht in sie hinein.

Beherrschend war die gewaltige Orgel. Damit wurde der Charakter der Synagoge als Stätte einer liberalen Gemeinde betont. Die Synagoge war nicht nur mit einer Orgel versehen, sie war eine Orgelsynagoge.
Unter der Orgel befand sich die heilige Lade, visuell der Orgel untergeordnet. Die heilige Lade enthielt die Torarollen; sie war von innen beleuchtet, ihre kostbaren Türen öffneten sich elektrisch beim Druck eines Knopfes. Vor der Lade sandte die Ewige Lampe ihre Strahlen aus: sie war Symbol für die Gegenwart Gottes.
Der Heiligen Lade vorgebaut fand sich die "Bima", die Bühne. Dort fungierten der Rabbiner und der Kantor. Sie waren der Gemeinde zugewandt. Nach dort stiegen auf seitlichen Stufen diejenigen Männer auf, welche zum Segen über die Lesung aus der Tora aufgerufen waren. Die Gemeinde hörte, fand in der Musik, im Chorgesang und dem Gesang des Kantors Erhebung, in der Predigt Belehrung und Erbauung. Am Raum an sich war nicht zu erkennen, ob jeder Beter sich wirklich als Mitgestalter des Gottesdienstes fühlen konnte, oder sich vielleicht nur als Empfangender fühlte, der einem wertvollen, dramatischen Akt beiwohnen durfte, doch sein jüdisches Wesen und seine jüdischen Lebensprob
leme nicht unmittelbar umarmt fühlen mochte.

Diese Synagoge, welche die Errungenschaften und den Bürgergeist der gleichberechtigten Juden feierte, wurde in der Pogromnacht des Jahres 1938 von den Nazis verwüstet und nieder gebrannt. Die Juden waren ausgestoßen. In dieser nationalsozialistischen Schreckenszeit fanden die Mainzer Juden in dem Rabbiner der Hauptgemeinde, Dr. Sali Levi, ihren Tröster und Ermutiger. Gegenüber den Gewalttätern war er ihr mutiger Verteidiger und Fürsprecher. Er war ein aufopfernder Betreuer aller Juden in ihrer schwere Prüfung. Vom unerträglichen Druck der Nazis zermürbt fiel er im Jahre 1941 in Berlin kurz vor seiner Auswanderung einem Herzschlag zum Opfer. Sein Andenken sei zum Segen. 




»Selbst der letzte Stein ist verschwunden«

Die 1938 von den Nazis zerstörte Synagoge der neo-orthodoxen Gemeinde in der Flachsmarktstraße
AZ - 16.11.2004 - Von Leo Trepp*

Die Synagoge in der Flachsmarktstraße wurde ebenfalls in der Pogromnacht im Jahre 1938 von den Nazis zerstört. Die Gemeinde war neo-orthodox, das heißt, sie war streng traditionell und gleichzeitig der Gesamtkultur und Ästhetik der Zeit verbunden. Dies wurde im Gebäude sichtbar. Flachsmarkt von innen

Man betrat die Synagoge durch einen Innenhof, welcher durch die umliegenden Gebäude, einschließlich der jüdischen Volksschule, Bondischule genannt, gebildet wurde. Durch eine weite, von Laternen flankierte Treppe erreichte man den schmuckvollen Eingang mit drei großen Portalen. Er führte zur Vorhalle, einem Raum für Versammlungen, Lehrvorträge und Sitzungen. Da sich in ihm eine heilige Lade befand, konnte er für Gottesdienste benutzt werden, doch fand dies selten statt, da selbst an Werktagen so viele Beter kamen, dass sie den größeren Innenraum bevorzugten.

So durchschritt auch hier der Beter mehrere Vorbereitungsstätten: Von der Straße mit ihrem Lärm zum besinnlichen Innenhof, dann stieg er die Treppe zum Gotteshaus empor und betrat die Vorhalle durch eines der Portale. Er war auf einer Zwischenstufe, denn hier verband sich Heiligkeit mit profanem Werk, wie Gemeindesitzungen. Dann stieg er durch eine doppelte Glastür eine Stufe in die "Tiefe" hinab. Eine Anspielung auf dem Psalmenvers "Aus Tiefen rufe ich Dich, o Gott, mein Herr."

Der Eingang war in der Mitte der Südwand. Ihm gegenüber befand sich, in die Wand eingelassen, eine große viereckige Steintafel. Sie war von einem Schmuckrahmen umgeben und enthielt die Worte "denn deine Knechte haben an seinen Steinen Gefallen, günstig sind sie seinem Staub" (Psalm 102;15). Darunter: "Dieser Stein ist aus dem heiligen Land." Verbundenheit mit dem Lande Israel, dessen Wiederherstellung im Gebet zum Ausdruck kommen sollte, war vor Augen geführt. Im Jahre 1982 entdeckte ich diesen Stein auf dem neuen jüdischen Friedhof. Er war das einzige Erinnerungsstück an die Synagoge in der Flachsmarktstraße. Im folgenden Jahr war er verschwunden. Ich habe ihn nie wieder gesehen oder von seinem Verbleiben erfahren.

Über den Fliesenboden erreichten die Beter ihre ihnen dauernd zuerkannten Sitze. Vor jedem war ein Lesepult, welches sich öffnen ließ. In einem Fach konnte jeder seine Gebetbücher, seinen Tallit (Gebetsmantel) und seine Tefillin (Gebetsriemen) aufbewahren.

Das Schiff der Synagoge war 16 Meter hoch. Darüber zog sich ein Gürtelband, über welches sich zwei Flachkuppeln erhoben. In ihnen befanden sich Laternen, die jedoch kein Licht durchließen. Zusammen mit der Stufe am Eingang dürfte die Höhe etwa 18 Meter erreicht haben. Obgleich das Licht nur durch die großen Fenster der Frauenempore auf der rechten Seite vom Beschauer herein kam, war die Synagoge hell und gab das Gefühl der Weite. Das Gebet konnte sich aufschwingen. Dazu hatte sie eine gute Akustik.

Der Raum hatte zwei gottesdienstliche Brennpunkte, den Aron hakodesch (die heilige Lade, Tora-Schrein) und die Bima ("Bühne"), welche der Tradition folgend in der Mitte stand. Die heilige Lade, welche die zahlreichen Torarollen der Gemeinde enthielt (es sollen 26 gewesen sein), war dominierend und bestimmte die Ausrichtung der Gemeinde. Der Schrein stand in einer Apsis. Ihn auf drei Seiten umrahmend waren in vergoldeten Buchstaben die hebräischen Worte von Psalm 111, Vers 10 zu lesen "Anfang der Weisheit ist die Gottesfurcht", "(Diese) Erkenntnis (ist) gut für alle, die so tun", "Auf ewig besteht sein Preis". Der Mittelsatz, ein Ruf zu traditionellem Leben, fand sich über der Flügeltür der heiligen Lade. Diese Worte standen den Anwesenden immer vor Augen. Sie waren die Leitschnur des orthodoxen Lebens, welches in der Tora seine Grundlage hatte.



*Rabbiner Prof. Dr. Dr. Leo Trepp, 1913 in Mainz geboren, ist jüdischer Religionsphilosoph und Judentumskundler.